Mit viereinhalb Sinnen durchs Leben

Interview Ort
Interview Ort

Wie kommt man mit einem Sinn weniger durchs Leben? Eine Sehbehinderung ist erstmals vielleicht eine erschreckende Diagnose, doch kommt man damit klar? Sich in einer Stadt orientieren zu können oder neue Orte kennen lernen scheint eine völlig neue Hürde zu sein.

  

Ein Brioche oder ein Gipfeli? Ich habe noch vielleicht drei Franken. Fühlt sich jedenfalls so an. Reicht das? Vielleicht sollte ich fragen, was dort hinten links in der Vitrine neben dem grellgrünen Carac liegt.

Solche Situationen sind für Irene aber sonst, sicherlich nicht für alle alltäglich. Überall sind Informationen, Hinweise und Preise angeschrieben, doch was, wenn man von weitem kleine schnörkelige Schriften nicht lesen kann? Kommt man so genau gleich durch die Welt, wie wenn man alles klar sieht? Wo tauchen Hürden und Schwierigkeiten auf, die man vor lauter Dinge, die man sehen kann, vielleicht sogar übersieht? Diese Fragen mit einem Gespräch mit der jungen Studentin aus Basel Irene Stüssy, nachgegangen werden.

Man gillt offiziell mit einer Sehstärke von unter 0.3 als Sehbehindert. In der Schweiz hat es Stand 2019 in der Schweiz rund 50‘000 blinde, und 270‘000 Menschen mit einer Sehbehinderung. 1.8% davon sind jüngere Erwachsene zwischen dem 20. und 39. Lebensjahr.

Begrifflichkeit

Doch was heisst Sehbehindert? Ich habe Irene gefragt, was die korrekte Begriffligkeit ist oder beziehungsweise, wie sie es bezeichnen würde. Der Begriff „Behinderung“ wird in Fachkreisen eigentlich nicht verwendet. Dieser Ausdruck hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zum Beispiel ob die Sehbehinderung durch einen Unfall, eine Krankheit oder schlicht weg durch das Alter ensteht. Zunächst war nicht ganz sicher ob man den Begriff “Behinderung” brauchen kann, doch Irene selbst hat den Begriff so selbst verwendet. Solange der Begriff nicht wertend ist, kann er verwendet werden.

Der Anfang

Irene hat seit ihrer Geburt ein Problem mit den Augen. Man war sich am Anfang nicht sicher, was es genau ist. Im Laufe der Jahre hat man zudem noch gemerkt, dass sie an Weitsichtigkeit leidet, wie es eigentlich relativ viele tun. Im Schnitt leiden 35% aller vor dem 50. Lebensjahr an Weitsichtigkeit. Nach dem 50. Lebensjahr nimmt die Zahl rasant zu. Später hat Irene noch eine Brille bekommen. Allerding hat die Brille nichts mit der Sehbehinderung zu tun, sondern dient, wie bei allen anderen, die eine Brille tragen, schlichtweg dazu, in die Weite sehen zu können. 

Irene (20) im Wohnzimmer
Irene (20) im Wohnzimmer

Der Alltag

Allgemein ist das größte Problem Dinge lesen zu können. Zum Beispiel im Restaurant, wenn es sowieso schon dunkel ist, eine klein gedruckte Karte zu lesen, kann sehr schwierig sein. Wenn im Supermarkt Regale oder einzelne Produkte den Platz wechseln oder umgestellt werden, sich da wieder orientieren, ist auch einer dieser Punkte, an die man vielleicht nicht nachdenkt, wo Schwierigkeiten im Alltag auftauchen könnten. So kann ein einfacher Besuch im Laden viel länger und mühseliger werden als gewohnt.

Es ist ein Fluch und ein Segen zugleich.

Karriere

Pilotin oder Lastwagenfahrerin zu werden war schon immer ausgeschlossen. Es ist wichtig immer realistisch zu bleiben, obwohl man gleichzeitig sein Potential voll ausschöpfen will. Doch, dass der gymnasiale Weg eine Option ist, war schon immer bekannt. Irenes Eltern sind immer davon überzeugt gewesen, dass sie den Gymer besuchen kann, und haben auch dafür gesorgt, dass sie die Möglichkeit dazu bekommt. Nach dem Gymnasium will Irene studieren. Zuerst ist klassischer Gesang eine Option,

was sie, nach Langem Hin und Her, sich aber dann doch anders überlegte. Im Raum stand auch noch Medizin, doch für Gewisse Dinge wie Sezieren oder Obduzieren braucht es eine gewisse Präzision. Mit einer Sehbehinderung fehlen ihr dazu einfach die richtigen Mittel. Mit so einer Vorraussetzung, entscheidet sich Irene doch etwas anderes zu machen. Schlussendlich studiert Irene Theologie in Basel. Erstaunlicherweise ist solch ein sprachbelastetes Studium nicht ein riesiges Problem. Über die Jahre hat Irene immer mehr Tricks und Methoden herausgefunden wie sie mit ihrem Nachteil umgehen kann, doch die meisten Probleme entstehen sowieso im Alltag.

Ich hatte auch nie das Gefühl, dass ich, was meine Berufswahl angeht, einen Nachteil habe.